ÜBERJAZZ-Festival 2019 (Hamburg)

Fotos: Roland Krieger

Bereits seit zehn Jahren gibt es das Überjazz-Festival schon, und so mancher Jazz-Liebhaber behauptet, dass es das beste Jazz-Festival in Hamburg sei. Klar, das Elbjazz setzt auf Größe, das Überjazz vielleicht mehr auf Geheimtipps. Ich persönlich mag mich nicht so recht für eines der beiden entscheiden, fest steht jedenfalls, dass sich die Festivals in einer Sache doch recht ähnlich sind: beide sind nicht allzu streng auf Jazz festgelegt und wagen gerne mal den berühmten Blick über den Tellerrand.
Zum zehnten Jubiläum gab es in diesem Jahr eine Pre-Opening-Night als Bonus, die jedoch nicht am Donnerstag, sondern bereits am Mittwoch, also dem Abend vor dem Reformationstag, im größten Saal auf Kampnagel, der K6, abgehalten wurde. Eröffnet wurde der Abend mit SALAMI ROSE JOE LOUIS, die wir aber leider verpasst haben.

Es folgte das SUN RA ARKESTRA, die man nicht zu unrecht als Orchester bezeichnen kann. Elf Musiker in ägyptisch anmutenden Phantasiekostümen machen auf der Bühne schon etwas her. Leider fehlte in diesem Jahr aber Sängerin Tara Middleton, die beim letztjährigen Kampnagel-Auftritt als einzige Frau in dem Ensemble noch dabei war. Ebenfalls nicht mehr mit an Bord ist der namensgebende Bandleader und Komponist, der bereits 1993 verstarb, aber seitdem ganz adäquat von Marshall Allen ersetzt wird. Dass Marshall Allen bereits 95 Jahre alt ist, merkt man ihm kaum an – die knapp anderthalb Stunden stand er fast komplett auf den Beinen, koordinierte den Auftritt und setzte sich nur ab und an mal hin. So fit möchte ich mit 95 Jahren auch noch sein!
Aber fit ist nicht nur Marshall Allen, sondern zum Beispiel auch der immerhin schon 63jährige zweite Frontmann Knoel Scott, der, aus welchen Gründen auch immer, sogar mehrmals ein Rad auf der Bühne schlug. Insgesamt eine nach wie vor außergewöhnliche und unverkennbare Show, die hoffentlich noch lange fortbestehen mag!

Zum Abschluss der Pre-Opening-Night folgten noch THE COMET IS COMING, die bereits 2018 und 2016 mit dabei waren. Wobei Saxophonist Shabaka Hutchings mit diversen Projekten quasi als Dauergast beim Überjazz dabei ist und in der Vergangenheit auch schon mit dem SUN RA ARKESTRA zusammen musiziert hat – in diesem Jahr blieb ein Gastauftritt aber leider aus. Zuletzt schaffte Hutchings es mit seinem anderen Projekt SONS OF KEMET sogar in jazzfernen Kritikerlisten bis zum Album des Jahres 2018 und ist in dieser Popularität nur vergleichbar mit KAMASI WAHINGTON. Wahrscheinlich liegt dies daran, dass Hutchings Jazz auch für eine junge, moderne Generation wieder interessant macht. Ebenso sorgten THE COMET IS COMING mit ihren futuristischen Klängen auf dem Überjazz wieder für eine Atmosphäre, die man sonst eher in Berliner Clubs oder auf einer Technoparty finden würde. Vor dem letzten Song gab es noch eine politische Ansage, die mit einem herrlich trockenen “Fuck Brexit” eingeleitet wurde und in der Hutchings versicherte, bald wieder nach Hamburg kommen zu wollen. Es bleibt zu hoffen, dass der sorgenvolle Blick von vielen britischen Musikern sich nicht bestätigt und sich Tourneen auch für kleine Acts nach dem Brexit noch rentieren.

 

Den Freitag eröffneten wir mit FAZER aus München, die sich in der letzten Zeit gar nicht so selten in Hamburg blicken ließen. Tatsächlich war es schon ihr dritter Auftritt in diesem Jahr in der Hansestadt. Um das Ganze ein wenig zu variieren, luden sie mit MIRA MANN eine Gastsängerin ein, die dem einen oder anderen vielleicht mit ihrer Band CANDELILLA schon begegnet sein könnte und das ganze mit Spoken Word-artigen Alltagsbeobachtungen anreicherte. An FAZER gefallen mir vor allem die sehr rhythmischen Sachen, die auch deshalb so präsent sind, weil sie mit einem Drummer und einem zusätzlichen Percussionisten/Drummer arbeiten. Dafür gleiten sie aber manchmal in allzu progrockige Gefilde ab, gerade was die ausufernden Gitarrensachen betrifft. Insgesamt aber ein durchaus guter Auftritt, mit dem sie bereits recht früh die K1 ordentlich füllten.

Im größten Saal auf Kampnagel, der K6, traf KELSEY LU gerade die Vorbereitungen für ihren Auftritt, die wie eine Inszenierung wirkten. Zunächst wurden Blumen verteilt, in aller Seelenruhe ein Tuch ausgebreitet und schließlich das Cello gepackt, Töne entlockt, geloopt und verfremdet. Nach und nach traten ihre Mitmusiker hinzu, und die Dame aus Los Angeles wechselte vom Cello an den Gesang. Dachten wir zunächst, wir würden nur kurz in ihren Auftritt reinschauen, saßen wir plötzlich wie gebannt auf unseren Stühlen. Was für eine Stimme! Und auch die Musik ließ sich auf kein einziges Genre festnageln und wechselte kontinuierlich zwischen Pop, Kammermusik, Soul und Dark Noir. Aber im Vordergrund stand ganz klar diese Stimme, die alle Töne zwischen rauchig, soulig, inbrünstig und geflüstert in allen Tonlagen und Lautstärken perfekt meisterte. Gedanklich knie ich noch heute nieder. Wahnsinn!

Vor dem Auftritt von MAISHA bat der Moderator darum, die Fläche vor der Bühne nicht zum Sitzen, sondern zum Tanzen zu nutzen: „Macht hieraus einen Dancefloor!“ Dafür war die Musik des jungen Londoner Ensembles allerdings zu wuselig und ziellos, manchmal auch zu spirituell. Dafür jedoch ein guter Beweis, wie man verschiedene Stile gekonnt unter einen Hit bringen kann.
Ein komplett anderer Stil schlug uns bei JJ WHITEFIELD entgegen: an erster Stelle Bluesrock, verbunden mit etwas Kraut, Funk, Afrobeat und ordentlich Einsatz der Korg, die in diesem Jahr bei sehr vielen Bands zum Instrumentarium dazugehörte. Doch auch hier schien Songstrukturen maximal eine geringfügige Wichtigkeit zugeschrieben zu werden.
Also weiter in die KMH, wo mit SINKANE die erste richtige Party-Band des Abends an der Reihe war. Ob es an den bunten Gestalten auf der Bühne lag (Sänger Ahmed Galab kombinierte ein durchsichtiges Netzhemd mit einem braunen Anzug, der Schlagzeuger sah aus wie Belgiens Mittelfeldstratege Fellaini und der Gitarrist wie ein Waldwichtel) oder an dem funkigen Afrobeat, den die sudanesisch-amerikanische Band zum Besten gab, konnte nicht eindeutig ermittelt werden.

Wo die kleinen Säle fast aus ihren Nähten platzten, war in der großen K6 vergleichsweise wenig los. Am Namen kann es kaum gelegen haben, denn die Londoner Spoken-Word-Künstlerin KATE TEMPEST hat in den letzten Jahren mit ihrem markanten Stil doch zahlreiche Preise eingeheimst. Vielleicht war sie aber musikalisch doch zu weit weg von der angestrebten Zielgruppe, denn mit Jazz hatte ihr literarischer HipHop kaum noch Schnittpunkte. Wer sich aber auf die Texte einlassen wollte, durfte wortgewaltiger Gesellschaftskritik, unkitschigen Liebessongs und einer angenehm bodenständigen Künstlerin folgen, die mit ihrer charmanten, emotionalen Art inzwischen eine große Fanschar aufgebaut hat.

Der letzte Act am Freitag war für uns SHAKE STEW, die mit einer äußerst ungewöhnlichen Instrumentierung aufwarteten. Links und rechts jeweils ein Bass bzw. Kontrabass, hinten zwei Schlagzeuger und im Mittelpunkt drei Bläser, die in ihrem selbstdesignten Outfit wie junge Frischlinge aussahen, die die Welt erkunden. Dieser Vergleich passt durchaus zur Musik, denn ihre wilde Herangehensweise und die Verschmelzung von groovigen Beats und hypnotischen Afroklängen, findet man sonst nirgendwo. Was sie aber auch auszeichnet, ist ihre Stringenz. Auf nervige Teile wird verzichtet, stattdessen besser auf gute Stimmung setzen. Nicht zu Unrecht hat die ZEIT ihnen schon eine ausführliche Reportage gewidmet und als „Österreichs Band der Stunde“ bezeichnet. Ein guter Ausklang für den zweiten Tag des diesjährigen Überjazz-Festivals.

LIUN & THE SCIENCE FICTION BAND eröffneten unseren Samstag Abend, und der Begriff „Science Fiction“ steckte nicht nur im Bandnamen, sondern auch in der Musik der Wahlberlinerin Lucia Cadotsch und ihrer Mitmusiker. Spacige, kühle Sounds mit einer warmen, souligen Stimme, während man im Hintergrund das Berliner Nachtleben herauszuhören meint. Passend dazu waren die Instrumente in silberne Alufolie gehüllt – so könnte Musik der fernen Zukunft also klingen.
Ebenfalls aus Berlin, musikalisch aber vollkommen anders unterwegs war Max Graef mit seinem neuen Projekt 2MORPH. Das Infoheft zum Überjazz sprach von einer „einnehmenden Live-Performance“ und der Vermischung aus „psychedelischen Momenten, polyrhythmischen Beatpatterns und modalen Improvisationen“, für uns klangen 2MORPH wie schlechter Schülerband-Metal mit leichten MONSTER MAGNET-Einflüssen.
In der KMH war der französische Musiker DJ NEUE GRAFIK mit seinem Ensemble zu Gast, das sich in einem Londoner Club aus einem Jam gegründet hat. Tatsächlich meinte man beide Komponenten herauszuhören: French House kombiniert mit urbaner Clubkultur und HipHop-Beats im Improvisationsmodus. Zugleich chillig und ansteckend.

In der K6 ging es britisch weiter, wobei sich der eigentliche Frontmann des EZRA COLLECTIVE, Femi Koleoso, hinter den Drums befand. Er präsentierte sein Ensemble wie ein Rapper, der das Publikum anheizen wollte. Enthusiasmus statt Understatement – in der Jazzszene sieht man so etwas selten, aber zu dem EZRA COLLECTIVE passte es wie das Salz zur Suppe. Mit einer Mischung aus Dance und Afrobeats und ständigen effektvollen Wechseln in der Rhythmik sorgten die fünf Londoner für eine ausgelassene Stimmung. Das erinnerte mich ein wenig an YE:SOLAR, die 2012 zu später Stunde die MS Stubnitz auf dem Elbjazz zum Kochen brachten. Dies gelang dem EZRA COLLECTIVE in gleicher Weise – und das, wohlgemerkt, in der größten Halle des Kampnagels.

Ebenfalls ausgelassen, aber auf eine vollkommen andere Art und Weise, war die Stimmung bei MINYO CRUSADERS. Das Kollektiv aus Japan gelang es, traditionelle ostasiatische Folklore mit modernen Stilmitteln anderer Genres zu kombinieren, wobei sich dies nicht nur musikalisch, sondern auch optisch in dem bunten Outfit des zehnköpfigen Kollektivs widerspiegelte. Dass in ihre Musik auch Gameboy-Sounds und Vogelgezwitscher eingebaut wurde, sorgte für einen großen Spaß, ohne dabei auch nur ansatzweise ins Alberne abzukippen. Extravagant charmant!

Komplett gegenteilig ging es bei KARL HECTOR & THE MALCOUNS zu. Wie eine Reise zurück in die Siebziger, als Krautrock und Psychedelic gerade ihre Hochphase erlebten, konnte man nach den ganzen Attraktionen zu ihrer Musik perfekt herunterkommen. Jedoch war die K2 nur mäßig besucht und nach einer gewissen Zeit wurde aus entspannend leider auch unspannend.
Bei HIATUS KAIYOTE schauten wir nur kurz vorbei, da wir mit dem exaltierten Gesang in Kombination mit anstrengenden Funkbeats gar nichts anfangen konnten. Ein guter Augenblick für eine kleine Auszeit im angrenzenden Peacetanbul, das ein kurzes Durchatmen in türkisch-mediterraner Atmosphäre ermöglichte (unser Tipp: testet hier unbedingt den Gebirgskräutertee!).
Die Nacht wurde schließlich mit KEOPE in der K2 eingeläutet, was man auch am Publikum merkte, das sich nun sichtlich verjüngte. Auf der Bühne standen sich die beiden Musiker gegenüber, einer mit Gitarre, der andere an einem Tisch voller elektronischem Equipment. Heraus kam dabei ein recht kühler Sound mit Einflüssen aus dem Dubstep und Glich, wo die Gitarre sehr gut eingebunden wurde. Für ein Set, das von Improvisationen lebt, ist dies nicht automatisch gegeben. Dass der Elektrotüftler jedoch das Publikum auf die Bühne holte, schien nicht so recht aufzugehen. Dafür waren die Beats doch zu vertrackt, so dass die Zuschauer auf der Bühne mehr herumstanden oder Selfies machten, als dass sie tanzten.
Zum Abschluss spielten STEAM DOWN in der kleinen KMH, wo zum Ende des diesjährigen Überjazz doch noch mal eine ganz gute Tanzstimmung aufkam, die insbesondere von der Vorband EMMA JEAN THACKRAY’S WALRUS initiiert wurde, die vor der Bühne mächtig abgingen. Ein würdiges Finale, das bereits die Vorfreude aufs Überjazz 2020 steigerte.

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