Überjazz-Festival 2016

Ich gebe es zu, liebes Überjazz Festival. In den letzten Jahren bin ich Dir untreu geworden. Und zwar mit dem Elbjazz-Festival und weil mir Deine letzten Termine irgendwie nicht passten. In diesem Jahr fiel das Elbjazz Festival ja bekanntermaßen aus, und ich hatte einfach mal wieder Lust aufs Überjazz.
Was soll ich sagen? Es hat auf jeden Fall sehr gelohnt, sich mal wieder zu treffen. Und schließt das eine das andere aus? Ist Polyamorie nicht sowieso der neuste Trend? Vielleicht sollte man zukünftig einfach beide Festivals besuchen. Viel falsch macht man damit sicherlich nicht.
Beginnen wir am Freitag. Der Tag, an dem noch keine offensichtlichen Highlights wie ED MOTTA, GOGO PENGUIN und das CINEMATIC ORCHESTRA spielten. Das wiederum hatte zur Folge, dass es am Freitag noch genügend Karten an der Abendkasse gab, während der Samstag bereits im Vorfeld ausverkauft war. Und als mit YUSSEF KAMAAL auch noch unser persönliches Freitags-Highlight ausfiel, entschlossen wir uns dazu, uns einfach treiben zu lassen.
Den Start machte NIA ANDREWS, die das diesjährige Überjazz-Festival eröffnete. Doch verloren wirkte die junge Frau aus Los Angeles auf der riesigen Bühne des K6 keineswegs. Selbstbewusst präsentierte sie mit einer souligen Stimme ihre poplastigen Songs am E-Piano, die unter Beweis stellten, dass der Schritt von der Background-Sängerin für u.a. LAURYN HILL in den Vordergrund definitiv ein richtiger war.
IMG_20161111_211007669Direkt im Anschluss ging es mit DWIGHT TRIBLE, ebenfalls aus Los Angeles, weiter. Dass der Mann, der seit mehr als 40 Jahren im Musikgeschäft tätig ist, als Legende gilt, ging bis zu diesem Festival an mir vorbei. Und den Einstieg ins Set kann man auch nicht unbedingt als zugänglich bezeichnen. Stattdessen wurde wild improvisiert, statt klassischen Songstrukturen wurden maximal Melodiefragmente geboten, während der dunkelhäutige Mann mit Ziegenbart, Häkelmützchen und Sonnenbrille zwischen meditativen, gebetsartigen Vocals und Geschrei wechselte.
Bis er ganz plötzlich seinen Gesang auspackte und uns sofort in seinen Bann riss. Eine so tiefe, warme Stimme, hat man zuletzt von GREGORY PORTER oder BARRY WHITE gehört. Bis TRIBLE urplötzlich in die expressive Kopfstimme wechselte. Selten hat uns ein Auftritt so viel Gänsehaut beschert. Wer im Internet aber nach Informationen sucht, wird nur spärlich fündig werden. Zwar gibt es eine Homepage, aber weder seine Seiten auf Twitter noch auf Facebook werden regelmäßig aktualisiert. So wird DWIGHT TRIBLE wohl ein ewiger Geheimtipp bleiben. Für uns die Überraschung des Festivals!
IMG_20161111_211503776ROCKET MEN durften etwa zeitgleich im K1 ran und hatten als Hamburger Band vor zahlreichen Freunden und Verwandten quasi ein Heimspiel. Ihr Ansatz an den Jazz ist recht modern, und so wurden Samples und Zitate in ihren Sound mit eingebaut, während die Visuals nicht nur zur optischen Untermalung dienten, sondern auch inhaltlich in ihre Musik integriert wurden.
Nicht weniger modern ging es anschließend in der kleinsten Location auf dem Überjazz, der Halle mit dem Namen „km/h“ weiter. Dort gab es keine Sitzplätze, die hätten zu den elektronischen, zum Teil sehr stark verfremdeten Sounds des niederländischen DJs und Produzenten JAMESZOO aber auch nicht gepasst. Ging es in einem Moment noch recht chillig zu, riefen einen die schrägen Geräusche im nächsten Moment schon wieder aus dem Versuch, die Gedanken schweifen zu lassen.
IMG_20161111_234621413Vom Flughafen aus gelangt man schnell nach Hawaii, mit der belgischen Band GIRLS IN HAWAII sollte man die dänischen GIRLS IN AIRPORTS aber trotzdem nicht verwechseln. Die ZEIT lobte sie kürzlich als „Band der Stunde“ aus, aber dass die Kopenhagener sich musikalisch bei den angesagtesten Stilen bedienen, kann man nicht unbedingt behaupten. Auch wenn GIRLS IN AIRPORTS optisch durchaus als Hipster durchgehen könnten, haben sie musikalisch ganz geordnet eine klassische musikalische Ausbildung durchlaufen. Bis auf den Wurlitzer haben sie mit Schlagzeug, Percussions, Saxophon, Klarinette auch keine allzu ungewöhnlichen Instrumente im Gepäck. Und doch klingt ihre Musik eigenständig und ungewöhnlich genug, um aus der Einheitsmasse hervorzustechen. Vielleicht liegt dies an den exotischen Rhythmen, den psychedelischen Ausflügen in den 70s Rock oder aber an ihrer eigenen Gestaltung des Jazz, der angenehm grenzenlos erscheint.
Bei MAMMAL HANDS folgten im Anschluss gar harmonische Klänge aus Manchester. Moment mal, harmonische Klänge aus Manchester? Da liegt der Vergleich mit GOGO PENGUIN doch nahe. Die Trio-Besetzung ist ähnlich, statt Kontrabass hier jedoch ein Saxophon. Und doch gibt es auch einige Unterschiede. Während das Klavier bei beiden Bands für die Wiedererkennung in den Melodien sorgt, werden die Drums eher zart mit Besen gestreichelt.
Für den Abschluss des ersten Tages sorgten THE COMET IS COMING mit ihren futuristischen Klängen, die sich nur aus Synthies von „Danalogue The Conqueror“ und Saxophon von „King Shabaka“ und einer imposanten Lightshow zusammensetzten. Das K2 tanzte. Sage noch einer, Jazz sei altmodisch.

IMG_20161112_192259155Der zweite Tag begann mit ANDI OTTO am Cello und zwei Dritteln von LOVE-SONGS an Schlagzeug und Bass. Wer ein gutes Gedächtnis hat, könnte Manuel und Sebastian auch von anderer Stelle kennen – die beiden arbeiten im Nebenjob nämlich an den Vorverkaufskassen auf Kampnagel. Doch heute stand ANDI OTTO mit seinem Cello im Mittelpunkt, der seine Sounds durch einen sensorgesteuerten Cellobogen und diverse andere elektronische Effekte repetitiv verfremdete und dabei von der Rhythmusfraktion von LOVE-SONGS unterstützt wurde. Musikalisch entwickelten sich die Songs, ähnlich wie bei LOVE-SONGS, nur sehr behäbig, so dass die experimentellen Spielereien am Cello umso mehr ins Gewicht fielen. Eine Kollaboration, die absolut Sinn ergab!
Durfte ED MOTTA auf dem letztjährigen Elbjazz noch die Blohm+Voss-Hauptbühne bespielen, so fand sein heutiger Auftritt im vergleichsweise kleinen K2 statt. Das machte sich bemerkbar, die Spielstätte platze förmlich aus allen Nähten. Kein Wunder, denn mit dem souligen Jazz des gewichtigen Kaliforniers mit der sanft-heiseren Stimme kann ein jeder etwas anfangen.
IMG_20161112_211806650Bevor es nebenan auch so voll werden würde, machten wir uns rechtzeitig auf den Weg ins K6 zu GOGO PENGUIN. Die drei jungen Jazzer aus Manchester waren nicht zum ersten Mal dabei, bereits 2013 traten sie im Rahmen des Überjazz zum ersten Mal außerhalb Großbritanniens auf und sorgten für so viel positive Resonanz, dass das Überjazz sie fürs Folgejahr gleich wieder verpflichtete. Mittlerweile wurden sie vom renommierten Jazzlabel Blue Note gesignt, waren auf Festivals wie dem Haldern Pop, dem Reeperbahn-Festival und dem großen Coachella Festival zu Gast und durften folgerichtig heute in der größten Halle vom Kampnagel spielen. Und sie überzeugten mal wieder restlos alle Anwesenden. Ob jung oder alt, ob Jazz- oder Indie-Fan – mit ihrer einzigartigen Mischung aus Klassik, Jazz, Rock und präzise gespielten, breakbeatlastigen Drums reißen sie einfach jeden in ihren Bann. Im Vergleich zu ihren letzten Auftritten in Hamburg fiel der heutige Gig überraschend frei improvisiert aus, und auch das stand ihnen gut zu Gesicht. Wer die Band verpasst haben sollte: im April folgt das nächste Hamburger Konzert im Uebel & Gefährlich. Sichert Euch rechtzeitig die Tickets!
Tatsächlich gab es aber eine Band, die noch mehr Gäste zog als die Pinguine: bei THE CINEMATIC ORCHESTRA war es im K6 so voll, dass man selbst bei einem Stehplatz ständig von den Securitys darauf hingewiesen wurde, die Fluchtwege doch bitte freizuhalten. Das überrascht nicht, denn die Booker des Überjazz versuchten bereits seit mehreren Jahren vergeblich, die Briten für einen Auftritt nach Hamburg zu lotsen. In diesem Jahr war es ihnen geglückt, und dies war zudem ihr einziger bundesweiter Auftritt.
Allein der Aufbau eines ganzen Orchesters sah natürlich eindrucksvoll aus, und die Umsetzung ihrer cineastischen, jazzig-poppigen Stücke gelang ihnen tadellos, aber uns war es einfach zu voll.
So entschieden wir uns für MEUTE, die bereits am frühen Abend im Foyer des Kampnagels einen kleinen Appetizer für ihren späten Gig ablieferten. Und offenbar hat das etwas gebracht. Die Band, die optisch und besetzungstechnisch zwar wie ein Spielmannszug aussieht, fabriziert allerdings mit Bläsern, Drums und Xylophon ein solches Intermezzo, wie man es eher in einem Elektroclub erwarten würde. Nicht umsonst heißen sie „Hamburgs Marching Techno Band“ und wurden bereits bei dem ansonsten hauptsächlich elektronisch ausgerichteten Melt- und Fusion Festival gebucht. Der Mischer hatte die Botschaft richtig verstanden und hob die Bassdrum entsprechend an – falls zwischenzeitlich Gäste vom CINEMATIC ORCHESTRA zur Toilette wollten, mussten sie denken, dass ein DJ auflegt.

Ein würdiger Abschluss des Überjazz-Festivals 2016, das durch eine sehr abwechslungsreiche Auswahl der Bands für eine tolle Stimmung und zwangsläufig für einen Blick über den Tellerrand gesorgt hat. Wir hatten eine Menge Spaß und freuen uns auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr!

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