Maifeld Derby 2019 (Mannheim)

Ob es sich beim diesjährigen Festival um das letzte Maifeld Derby der Geschichte gehandelt hat, kann man jetzt noch nicht genau sagen. Ursprünglich hieß es, man wolle 2020 ein Jahr aussetzen, um im darauf folgenden Jahr die zehnte Ausgabe umso ausgiebiger feiern zu können. Doch einen knappen Monat vor Festivalbeginn gab es eine Facebook-Nachricht, in der die Macher die Jubiläumsausgabe relativierten. Alles doch sehr mühsam, man müsse abwarten, vorerst solle man das Maifeld Derby 2019 feiern, als sei es das letzte.
Natürlich macht sich da ein wenig Wehmut breit, aber warum auch nicht ordentlich feiern? Also, alles geben, die Wettervorhersage war perfekt, es gab eine Surprise Bar, an der die hochprozentigen Restbestände veräußert wurden, und auch die Bands konnten sich wieder sehen lassen. Zwar waren, sehr subjektiv betrachtet, nicht so viele Lieblingsbands wie in den beiden Jahren zuvor dabei, aber rückblickend betrachtet haben wir auch in diesem Jahr wieder ziemlich viele gute Konzerte gesehen.

Los ging es mit ZA!, die ich bis zu diesem Nachbericht glatt mit ZEBU! verwechselt hatte. Wobei die Bands sich nicht nur in ihrem Anfangsbuchstaben und dem abschließenden Ausrufezeichen ähneln, sondern beide musikalisch absoluten Nerdkram als ihre Berufung ansehen. ZA! stammen aus Barcelona und bestehen aus nur zwei Musikern, dafür aber aus einer Vielzahl Instrumenten und noch viel mehr Ideen. Musikalisch wurden alle denkbaren Stile eingeschlagen, von Experimental Rock über Jazz, 8-Bit-Ravecore, Weltmusik bis hin zu Eurodance war alles mit dabei. Wie sagte Otti ganz zutreffend über ihr Album „Megaflow“? „Wer dies nebenbei hört, kann auch zu Beethovens Neunter mitklatschen.“ Recht hat er.
Was sollte nun noch kommen? Vielleicht erst mal den Blutdruck wieder runterfahren im Parcour d’Amour. Dort spielte P.A. HÜLSENBECK, hinter dem sich der gleichnamige Musiker verbirgt, der vor zehn Jahren bei SIZARR an den Synthies mitwirkte und nun eine Band am Start hat, die sich den dunklen Klängen irgendwo zwischen Dark Noir, New Wave und Jazz verschrieben hat. Tatsächlich auch nicht ganz unähnlich zu seinem ehemaligen Bandkollegen Fabian Altstötter, der kürzlich unter dem Namen JUNGSTÖTTER sein Debüt veröffentlichte. Sehr dunkel und intensiv, und das alles auch live sehr gut umgesetzt.
Auf der Hauptbühne durften als nächstes GURR aus Berlin ran, die seit ihrem Debütalbum vor drei Jahren einen Start durch die Decke hingelegt haben. Mit ihrem ungestümen, jugendlichen Sound zwischen Sixties, Garage Rock, Poppunk und Grunge sorgten sie sofort für gute Stimmung. Warum die Band immer nur als Girl-Duo dargestellt wird, weiß ich nicht. Vielleicht, weil man als Zuschauer doch zu sehr auf die beiden Hauptfiguren Andreya Casablanca und Laura Lee fokussiert ist, die die Band wie ein großes Abenteuer zweier guter Freundinnen aussehen lassen. Da Andreya aber auch eine tolle Stimme hat und ihre Musik durchaus an Bands wie die heilig gesprochenen SLEATER-KINNEY denken lässt, täte man ihnen Unrecht, wenn man sie nur als Band darstellt, die sich medial gut vermarkten lässt.
Wesentlich relaxter ging es bei den nächsten Wahlberlinern zu, die vor zwei Jahren noch das kleine Zelt bespielten, diesmal aber im riesigen Palastzelt auftraten und es sogar noch besser füllten als die anschließend auftretenden HOT CHIP: PARCELS. Die gebürtigen Australier, die aussehen und klingen, als ob die direkt aus den Siebzigern kommen, lieferten eine nahezu perfekte Show ab. Mein Gitarrenlehrer wollte mir damals immer den Zugang zu CHIC nahelegen, was ihm aber wegen deren Poppigkeit nie gelang. Der Dozent von Jules Crommelin scheint da mehr Erfolg gehabt zu haben, so lockerleicht und funky beherrscht er nun seine Gitarre, die sich so selbstverständlich in den soften Dreampop-/French House-Sound von PARCELS einfügt. Als Referenzen kann man sicherlich DAFT PUNK und PHOENIX nennen, aber am meisten erinnern mich die fünf Jungen Herren an SHIELDS aus Newcastle, die aber leider keiner kennt. Nicht nur aufgrund der Zahl der Zuschauer eines der Highlights des gesamten Festivals.
Einen kurzen Zwischenstopp machten wir bei SLEAFORD MODS, die ich gerne mal mit THE STREETS verwechsele, die aber erst morgen dran waren.
Positiv überrascht wurden wir anschließend im Parcours d’Amour von NIKLAS PASCHBURG. An Modern Classic habe ich mich zwar so langsam satt gehört, doch der unscheinbare Pianist aus Hamburg bastelte sich die elektronische Untermalung für seine klassischen Klänge mit einer echten Bassdrum, Akkordeon, Synthies und sonstigen Instrumenten selbst zusammen. Hut ab! Fanden nicht nur wir.
KARIES werden ja gerne in einem Atemzug mit DIE NERVEN und HUMAN ABFALL genannt und als Stuttgarter Schule oder Ähnliches tituliert, obwohl alle Bands bis auf die Heimatstadt und die etwa gleiche Zeit der Bandgründung musikalisch eher wenig gemeinsam haben. Na gut, in der Vergangenheit hat man sich auch diverse Musiker geteilt, doch im Vergleich zu ihren schwäbischen Kollegen fiel die Show von Karies sehr spartanisch aus, soweit man überhaupt von einer „Show“ sprechen konnte. Recht reduziert ging es dort zu, nächster Song und ab dafür! Aber das Publikum wusste diese Unaufgeregtheit sehr zu schätzen. Wo es sich bei anderen Bands immer mehr durchsetzte, das oft sehr aufwändige Bühnenbild komplett zu ändern, standen hier vier junge Herren auf der Bühne und schrammelten einfach ihre Songs herunter. Danke, mehr will man doch gar nicht.
Mehr Lightshow und seltsame Bühnenoutfits im Design des Tatortreinigers gab es im Anschluss bei HOT CHIP zu bestaunen. Im nächsten Jahr feiern die Briten bereits ihr 20jähriges Bandjubiläum, und im Grunde hätte ich ihre Musik zwar in den Achtzigern verortet, aber nichtsdestotrotz als zeitlos bezeichnet. Für mein Empfinden eigentlich gar nicht allzu weit weg von PARCELS, aber heute kamen mir HOT CHIP irgendwie langweilig und altbacken vor. Mag sein, dass es am direkten Vergleich lag, aber die sonst so einnehmenden Melodien der fünf Londoner wollten heute irgendwie nicht so recht zünden.
Also rüber zu ALCEST ins kleine Zelt. Eine ungewöhnliche Mischung aus Post-Metal und Shoegaze, die mich ein wenig an das TOOL-Nebenprojekt A PERFECT CIRCLE denken und gleichzeitig ein wenig staunen ließ. Passte das wirklich zum Maifeld Derby? Anscheinend schon, jedenfalls versammelte sich vor den Franzosen eine beachtliche Menge an Zuschauern, die offensichtlich genug hatte von den Elektroklängen, die sich zu später Stunde vermehrt durchsetzten. Insofern auf jeden Fall eine gute Alternative.
Besagte Elektroklänge gab es zum Beispiel bei HVOB im Palastzelt. Eigentlich wollten wir nur kurz vorbeischauen, um zu sehen, wer sich hinter der Band verbirgt, die vor dem Festival ein absolutes Fotoverbot für die Fotografen ausgesprochen hatte. Ich gebe zu, wir gingen nicht ganz vorurteilsfrei zu ihrem Auftritt, doch wo wir Hochnäsigkeit erwarteten, wurden wir vom kompletten Gegenteil überwältigt. Gerade für den Elektrobereich überraschten uns die zarten, minimalistischen Klänge, die fast geflüsterten Vocals, die spartanische Bühnenausstattung und die karge Beleuchtung. Je länger der Auftritt, umso mehr wurden wir in den Bann des österreichischen Duos gezogen und waren uns am Ende ihres Gigs vollkommen sicher, dass der Grund fürs Fotoverbot sicherlich war, dass bei HVOB eben nicht die Bühnenshow, sondern die Musik im Vordergrund steht. Muss so gewesen sein, hoffen wir jedenfalls. Denn unsere neue Meinung: Toller Auftritt, sympathische Band!
Im Gegensatz dazu konnten uns KOMFORTRAUSCHEN leider nicht wirklich überzeugen. Was uns bei der Vorbereitung aufs Festival noch beeindruckte (elektronische Clubmusik mit analogen Instrumenten), entpuppte sich live dann doch zu sehr als Effekthascherei. Wie heißt es so schön: Glück ist, wenn der Bass einsetzt. Nicht für uns, erst recht nicht nach HVOB und schon gar nicht mehr heute Nacht. Gute Nacht und bis morgen!

Der nächste Tag begann für uns, wie sollte es auch anders sein, an der Surprise Bar. Der Eierlikör von gestern war alle, heute stand Mexikaner und Feigling auf der Speisekarte. Nun denn, muss ja weg! Überhaupt waren wir überrascht, wie unverkatert wir waren. Muss am gestrigen überdimensional großen Döner am Hauptbahnhof gelegen haben.
Von der Surprise Bar zum Surprise Act, der da ANNENMAYKANTEREIT hieß. Och nö – Pocahontas bitte ohne uns! Dann doch lieber zur obligatorischen Steckenpferddressur, die in diesem Jahr erstmals im Reitstadion stattfand. Schon seltsam, dass man vorher noch nie auf diese naheliegende Idee gekommen ist. So konnte man diesmal von den Tribünen einen sehr jungen Steckenpferdreiter sehen, der perfekt Hula-Hoop konnte, und einen anderen Teilnehmer, der das Publikum durch seine nackte Anwesenheit beeindrucken wollte.
Musikalisch ging es danach mit THE TWILIGHT SAD aus Schottland weiter. Aus einer Schülerband hervorgegangen schafften sie es vom Support von INTERPOL und EDITORS bis ins Vorprogramm von THE CURE ins Londoner Wembley Stadion und den Madison Square Garden in New York. Trotz dieser großen Venues handelte es sich bei dem Maifeld Derby um ihr erstes Festival in Deutschland, wie Sänger James Graham zu Beginn ihres Sets mit einem starken schottischen Akzent verlauten ließ. Dass THE TWILIGHT SAD von allen großen Bands gerne als Support eingeladen werden, liegt sicherlich auch daran, dass sie musikalisch wie eine Schnittmenge aus den genannten klingen, mit einem kleinen Zusatz Shoegazing und Postpunk im Stile von JOY DIVISION. Schade jedoch, dass ihr Auftritt bereits eine Viertelstunde zu früh vorbei war.
Was den Samstag übrigens vom gestrigen Tag unterschied, war der „Ausverkauft“-Hinweis am Kassenhäuschen. Dass es voller war als gestern, merkte man an allen Orten: an den Schlangen an den Essenständen, an den Bierbuden und den Maifeld-Währung-Umtauschschaltern, vor allem aber an den Toiletten. Aber es sei den Veranstaltern gegönnt. Und wer weiß: vielleicht ermutigen die positiven Bilanzen ja auch zum weitermachen.
Apropos weitermachen: VON WEGEN LISBETH als nächstes im Palastzelt? Habe ich zwar erst gestern einen sehr wohlwollenden Fernsehbeitrag zu den Berliner Jungs gesehen, in dem ihr Sänger durchaus sympathisch erklärte, dass er seine politischen Texte in Alltagsgeschichten verpacke, um nicht allzu moralisch auf Missstände hinzuweisen, ändert dies nichts an ihrer allzu poppigen musikalischen Ausrichtung. Und dass ihr Bass live wie ein Gummiband klang, veranlasste uns dann doch nicht gerade zum Verbleiben.
Also schauten wir an der Hauptbühne bei BALTHAZAR aus Gent vorbei. An ihr Debütalbum mit dem selbstgemalten Coverartwork erinnere ich mich noch, als wäre es erst gestern erschienen. Inzwischen können die Belgier aber auf ganze vier Alben und diverse erfolgreiche Solo- und Nebenprojekte (u.a. J. BERNARDT und WARHAUS) zurückblicken. Ich weiß nicht genau, was in der Zwischenzeit passiert ist, aber aus der etwas verschrobenen minimalistischen Indierock-Band ist inzwischen eine erwachsene Band mit einem ausgefeilten Songwriting zwischen Indiefolk, Kammerpop, Dark Noir und Disco geworden, in der jedes Instrument und jede Stimme sitzt und zugleich aufs Nötige reduziert wurde. Dass die Musiker gut aussehen und auch optisch eine gute Figur abgeben, sollte nicht von ihrem musikalischen Können ablenken. So wurde auch mal gekonnt von der Gitarre an die Posaune gewechselt, und für mich steht fest, dass man in Belgien nicht nur dEUS als Aushängeschild benennen sollte. Unsere Überraschung am Samstag!
Danach einen kurzen Blick bei THE STREETS riskiert: seltsam, das war irgendwie alles, nur kein HipHop. Erinnerte uns mehr an Crossover und die BEASTIE BOYS, die übrigens gestern auch von HOT CHIP gecovert wurden, als an den britischen Slacker-HipHop mit dem Mike Skinner damals einen ganz eigenen Stil geschaffen hat. Schade.
Doch auch CAPTAIN PLANET konnten uns nicht mehr kriegen. Irgendwie scheint bei ihnen die Zeit stehengeblieben zu sein seit der Bandgründung vor 16 Jahren. Sind wir inzwischen raus aus dem Emopunk-Alter? Erinnerte uns irgendwie an TOMTE nur in lauter. Die kann man heute doch auch nicht mehr voller Überzeugung hören.

Leider war damit auch quasi schon das Maifeld Derby 2019 vorbei. Am Sonntag schauten wir zwar noch kurz bei THE MAUSKOVIC DANCE BAND rein, die hawaiianische Stimmung bis nach Mannheim transportierten, und bei dem sympathischen Singer/Songwriter-Duo FLOURISHLESS, das extra fürs Maifeld Derby das Duo um drei Streicher ergänzte. Doch leider rief schon der weite Weg zurück nach Hamburg, denn knapp 600km legt man nicht allzu schnell zurück. Trotzdem würde ich sagen, dass sich die Fahrt von der Nordsee bis nach Baden-Württemberg für das Maifeld Derby mal wieder allemal gelohnt hat. Wie auch in den beiden Jahren zuvor. Und wie auch hoffentlich wieder im übernächsten Jahr.

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