Kurz & schmerzlos (Juli – September 2014) – CD-BESPRECHUNGEN IN ALLER KÜRZE

Foto: Timo Neuscheler

Gewaltlosigkeit verkauft sich nicht gut.
Kürzlich erst positionierte sich die AfD vor der Wahl in Hamburg im kommenden Februar auf den Spuren der damaligen Schill-Partei: man plädiert für eine Räumung der Roten Flora, bezeichnet Hamburg als "Stadt der Unsicherheit" und "Hochburg des Linksextremismus".
Dass der eindimensional denkende Mensch gerne Sachen vereinfacht, ist bekannt. Aber auch die Presse (nicht nur Boulevard) bedient sich gerne simpler Schlagworte, um ihre Meinung auszudrücken und weil es einfacher ist, Dinge über einen Kamm zu scheren als zu differenzieren. Wenn über die autonome Szene in Hamburg berichtet wird, fallen nicht selten Begriffe wie "Straßenterroristen", "Chaoten" und "Randalierer" (Bild), in den Foren mancher Zeitungen geht es oft noch einfältiger zu. Gerade nach Veranstaltungen in der Nähe der Roten Flora, z.B. dem Schanzenfest, wurden sogenannte "Krawalltouristen" und Linksautonome gerne mal in einen Topf geworfen. Erst nachdem es auf dem Schanzenfest 2012 zu Messerstechereien gegen Anwohner und Rotfloristen kam, versuchte man auch in der Presse zumindest ansatzweise die beiden Lager ein wenig auseinanderzuhalten.
Dass die linke Szene in Hamburg jedoch sehr wohl darum bemüht ist, sich von unpolitischen Krawallmachern abzugrenzen, führte im letzten Jahr dazu, dass man das Schanzenfest ersatzlos absagte, obwohl es in den vergangenen Jahren tagsüber sehr wohl ein friedfertiges, ausgelassenes Straßenfest mit Live-Musik, Flohmarkt und allem Drum und Dran gab, das man gerne fortgesetzt hätte.
In diesem Jahr legten die Initiatoren das Schanzenfest bewusst auf einen Sonntag, verlagerten den Veranstaltungsort wohlüberlegt in die Neben- und Seitenstraßen vom Schulterblatt und achteten darauf, dass politischen Inhalten wieder mehr Präsenz eingeräumt wurde. Mit Erfolg!
Es blieb ruhig, entspannt und fröhlich, gleichzeitig fielen die vielen politischen Stände ins Auge, die sich hauptsächlich um die Lage der Lampedusa-Flüchtlinge kümmerten, und sogar das Wetter spielte mit. Mit welcher Konsequenz? Das Schanzenfest verschwand von der ansonsten vorab reservierten Titelseite der Mopo, auf Spiegel Online musste man schon bewusst danach suchen, um überhaupt fündig zu werden. Keine Gewalt ist eben kein Aufhänger. Traurig, aber anscheinend wahr…

Kurz und schmerzlos.

ALANA AMRAM & THE ROUGH GEMS – "Spring river” (Label: Finest Noise VÖ 26.09.2014)
(so) Liebe Kinder, heute beschäftigen wir uns mit dem Buchstaben "A”. A wie ALANA AMRAM. Na, findet ihr alle As? Gut. Dann zur Musik. Folk mit starkem Hang zum Americana, staubig und ehrlich. Mit einer Frauenstimme (die mit den vielen As), die fraglos der Höhepunkt dieser Kooperation ist. Insbesondere die leisen Songs (die ohne langwierige Gitarrensoli) können faszinieren und laden zum Träumen ein. Ein gutes Folkalbum, das seine amerikanischen Country- und eben Americanawurzeln nicht zu verstecken braucht. (6,5)
http://www.facebook.com/AlanaAmramandtheRoughGems

BLONDE REDHEAD – "Barragán” (Label: Asawa Kuru Llc, VÖ 05.09.2014)
(jg) Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, dass ich es nicht versucht hätte, BLONDE REDHEAD zu mögen. Gut möglich, dass auch der Kult, der im Sinnbus-Umfeld um die Band betrieben wird, dazu beigetragen hat. Zwei alte Alben von ihnen stehen sogar in meinem Regal, auch wenn ich zugeben muss, sie nicht oft gehört zu haben. "Barragán", das neue Album der Band aus Washington, macht mir den Zugang nicht gerade leichter: noch minimalistischer als bisher, dazu wieder Kazus eigentümliche Art zu singen – nein, ich glaube, mit uns wird das nichts mehr… (4)
http://www.facebook.com/blonderedheadofficial

BRENDAN ADAMS – "Spirit” (Label: Love Duty, VÖ 16.05.2014)
(so) Wer auf karibische Klänge mit viel Wohlfühl- und Surfstimmung steht, ist bei BRENDAN ADAMS absolut auf der sicheren Seite. Auch die Reggae-Freunde dürften sich bei "Spirit" ganz zu Hause fühlen. Allen anderen sollte besser von dieser vor Fröhlichkeit triefenden Scheibe abgeraten werden. Nett ist eben immer noch die kleine Schwester von? Eben. (3,5)

http://www.facebook.com/adamsbrendan

DANIEL GRINSTED – "The sphere” (Label: Timezone, VÖ 2013)
(so) Hui. "Love is stronger than the pain". Welch eine neue Sichtweise der Dinge, die uns DANIEL GRINSTED da zukommen lässt. Der Kulturwissenschaftler, Journalist und auch Singer/Songwriter zeigt mit diesem Satz gleich, wo es hingeht. In die Schmachtzentralen der Akustikgitarrenmusik. Mit verhalltem Schlagzeug und allem, was so dazu gehört, um Mädchenherzen höher schlagen zu lassen. Will man das? (3,5)
http://danielgrinsted.wordpress.com

GHOSTBROTHER PROJECT – "Back into your heart”-EP (Label: Divine Records VÖ 06.06.2014)
(so) Soll das zwischendurch so falsch klingen im Opener? Es ist anzunehmen. Da ziehen sich so manche Gehörgänge auf ewig zu, so sehr beißen sich die Instrumente beim Spiel. Ansonsten spielen die beiden hier beteiligten Songwriter das, was man ihrer Schublade schon ansieht: Singer/Songwriter-Songs der etwas opulenteren Sorte. Unspektakulär, aber auch nicht schmerzhaft. Immerhin. (5)
http://theghostbrotherproject.bandcamp.com

HARD-ONS – "Peel me like a egg" (Label: Boss Tuneage Records / Rookie Records, VÖ 26.09.2014)
(bc) Diese Australier sind schon so eine Nummer für sich. Bereits seit 30 Jahren lassen sie unbarmherzig Pop-Punk, Noise und Thrash-Metal kollidieren und garnieren das Ganze wie selbstverständlich mit ihrer ganz eigenen Art von Humor. Entsprechend scheiden sich die Geister an ihnen – die einen lieben die HARD-ONS, die anderen schütteln verständnislos den Kopf. Auf welcher Seite stehst Du? (6)
http://www.facebook.com/hardons

KARMA TO BURN – "Arch stanton” (Label: Fabam& Deepdive Records, VÖ 15.08.2014)
(jg) Man soll es gar nicht glauben, aber vor einiger Zeit war ich noch ein Riesenfan von Stoner Rock im Allgemeinen und auch von KARMA TO BURN im Speziellen. Das war die Zeit als ich FU MANCHU und die HELLACOPTERS für mich entdeckt hatte, und diese Zeit liegt mittlerweile etwa 15 Jahre zurück. In der Zwischenzeit hat sich vieles geändert, Hörgewohnheiten kamen und gingen, nur in West Virginia scheint die Zeit still zu stehen. Jedenfalls klingen KARMA TO BURN auch in der Gegenwart noch wie anno 1997: instrumentaler Stoner Rock mit vereinzelten Metal-Anleihen (nicht nur im Artwork), mächtig viel Groove und einer Wall of Sound. Manche Stellen sind ziemlich gut, aber der Großteil klingt nach Altherren-Rock für Mattenschwinger. Irgendwie antiquiert. (4)
http://www.facebook.com/pages/Karma-To-Burn/118432638215095

LAUST SONNE – "On the radio" (Single) (Label: Billy B. Records, VÖ 17.10.2014)
(bc) Zumindest daheim in Dänemark dürfte LAUST SONNE dem einen oder anderen ein Begriff sein, tritt er dort doch als Drummer der in Skandinavien durchaus populären Rock-Band D.A.D. in Erscheinung. In seiner Mission als Solo-Künstler hat er sich hingegen dem 80er-Elektro-Pop verschrieben und hat für diese Single ein Stück ausgewählt, das vor 30 Jahren garantiert ein Chartstürmer geworden wäre. Aus heutiger Sicht klingt der Song zwar immer noch ungemein eingängig und tanzbar, wirkt aber zugleich aufgrund seiner altmodischen Keyboard-Melodien und Gesang-Effekte verstörend bis kitschig. Muss man schon drauf können… (4,5)
http://www.facebook.com/LaustSonneDAD

MOJO JAZZ MOB – "Still hunting” (Label: Setalight, VÖ 15.08.2014)
(jg) Der Name MOJO JAZZ MOB lässt einen nicht direkt an Metal denken. Und das anderthalbminütige Intro noch viel weniger. Aber dann geht es los – mit zwei Drummern! Allerdings nicht das übliche Gedresche, sondern etwas stonerrockig, eine Prise Heavy Metal, und alles ziemlich gut. Das sage ich als Metal-Laie! Erinnert auch an THRICE ohne die Emo-Pop-Parts. Könnte ich mir genauso gut bei This Charming Man vorstellen. (6,5)
http://www.facebook.com/mojojazzmob

P. PAUL FENECH – "I monster" (Label: Mutant Rock Records, VÖ 01.08.2014)
(bc) Tja, was erwartet man von einem Solo-Album des THE METEORS-Frontmanns? Natürlich eine satte Portion Psychobilly, und die bekommt man auf "I monster" auch geboten, wenngleich hier im Gegensatz zu den Veröffentlichungen seiner Hauptband mehr Platz für andere Stile eingeräumt wird. So stolpert man über die eine oder andere Surf-Gitarre, und auch der gute, alte Rock´n´Roll kommt immer mal wieder zum Vorschein. Für Billys ein Pflichtkauf. (6,5)
http://www.facebook.com/ppaulfenechofficial

RANDALE – "Randale Rock & Roll” (Label: Newtone, VÖ 15.08.2014)
(jg) Eines muss man den "Punk für Kinder”-Machern ja lassen: sie sind wirklich hartnäckig. Das zehnte Album in zehn Jahren Bandgeschichte, und nach wie vor wird behauptet, dass sie damit ca. 1 Millionen Album verkauft haben (auch wenn der Verkaufsrang 38.233 bei amazon.de eher dagegen spricht). Gratulieren tun wir von blueprint natürlich trotzdem. Aber dann ist auch mal gut… (3)
http://www.facebook.com/pages/Randale-Rockmusik-f%C3%BCr-Kinder/178182638888973

RANDOM WILLSON & THE BELLES – "Electric calm" (Label: Goldrausch Records, out now)
(bc) Nun ja… Was vom Label großspurig als "Entdeckung des Jahres 2014" angepriesen wird, ist für mich einfach nur durchschnittlicher Bluesrock mit ausgeprägtem Hang zum Americana. Mich persönlich berührt dieser Sound eher wenig, denn weder habe ich irgendeinen Bezug zu den Südstaaten, noch fühle ich mich altersmäßig in der richtigen Liga, um zu den Klängen von RANDOM WILLSON & THE BELLES rhythmisch im Schaukelstuhl hin und her zu wippen. (3,5)
http://www.randomwillson.com

ROBBY MARIA – "Welcome to my secret heart” (Label: Timezone, VÖ 10.10.2014)
(so) Auf dem Cover ein Mann, irgendwo zwischen LYLE LOVETT und Depression. Das lässt schon Schlimmes befürchten. Und genau so beginnt auch dieses Album, der Opener erinnert stark an DAVID BOWIE zu seinen bewusstseinserweiternden Phasen. Die Musik changiert dabei zwischen Popattitüde und Folkgehabe. Das einzige, was bei dieser Platte hängenbleibt, ist der BOWIE-Vergleich. Nur, dass BOWIE das besser konnte. (2,5)
http://www.facebook.com/pages/Robby-Maria/444611010366

SCHEISSE MINNELLI – "Sorry state affairs" (Label: Destiny Records, VÖ 23.05.2014)
(bc) Kaum eine andere Band versteht es heutzutage so gut, den Spirit der RICH KIDS ON LSD am Leben zu erhalten wie SCHEISSE MINNELLI. Irrwitzige Hardcore-Riffs, eine Zentnertonne Energie sowie eine gesunde "Fuck off"-Attitüde zeichnen auch das vierte Album der partygeilen Bavaria/California-Connection aus und dürften Freunden des Oldschool-Skatepunks die eine oder andere Nostalgieträne abringen. Geile Nummer! (7)
http://www.facebook.com/scheisseminnelli

TERRIBLE SILENCE – "Deliverance – Live, demos & more” (Label: Art of Silence Media Records, VÖ 2014)
(jg) Man kann dem Artwork von TERRIBLE SILENCE bereits ansehen, dass aus dieser CD nicht mein Lieblingsalbum werden wird. Auch der Untertitel "Live, demos & more" verheißt nix Gutes. Aber warum man im Jahre 2014 auf die Idee kommt, Live-Aufnahmen aus den Jahren 1999 und 2004 zu remastern und wiederzuveröffentlichen, bleibt wohl auf ewig das Geheimnis der Band. Genauso das auf der CD enthaltene "Video" zu dem Song "Garden of silence", das nichts anderes ist als eine mit psychedelischen Metal-Klängen unterlegte Diashow von ziemlich schlechten Landschaftsaufnahmen (vorrangig Flüssen und Felsen). Gut möglich, dass METALLICA in ihren Anfangstagen vor "Kill ‘em all" ähnlich schrecklich klangen. (1)
http://www.facebook.com/pages/Terrible-Silence/406567246070737

THE SIGOURNEY WEAVERS – "Blockbuster" (Label: Rookie Records, VÖ 22.08.2014)
(bc) Indie-Nerds aufgepasst! Hier haben wir es mit einer neuen Schweden-Combo zu tun, die man zwar einerseits guten Gewissens in die Indie-Schublade einsortieren könnte, die aber zugleich auch eine ausreichende Dosis 60ies Beat an den Tag legt, um unter Umständen als Retro-Variante von MANDO DIAO durchzugehen. Genau das Richtige für die nächste Festivalsaison! (7)
http://sv-se.facebook.com/thesigourneyweavers

THE TOWN HEROES – "Sunday movie” (Label: Rookie Records, VÖ 29.08.2014)
(so) Zwei Männer aus Nova Scotia machen Rockmusik wie in den Neunzigern. Kraftvoll und dynamisch. Gut gemachte Gitarrenmusik, die ihre Liebhaber fraglos finden dürfte, erinnern sie doch an die Heroen (sic!) der Grunge-Epoche. Dass man das zu zweit hinbekommen kann, verdient durchaus Respekt. Ein Album, das Rock schreit und Rock atmet. Gewaltig. (6)

http://www.facebook.com/thetownheroes

THE VALS – "Wildflower way” (Label: Unique Records, VÖ 26.09.2014)
(so) Die 60er sind zurück. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt. So gut wie bei Austin Powers jedenfalls ist "Wildflower way" eher nicht. Vielmehr blühen hier die Blumen aus San Francisco in neuer Blüte auf, wird der Vorstadtfolk aufpoliert und gehofft, dass man vielleicht eines Tages mit den BEATLES verwechselt werden kann. "Billy milk" jedenfalls könnte durchaus aus der Feder von McCartney stammen. Dennoch bleibt es Musik, die größtenteils egal ist. (3,5)
http://www.thevals.co.uk

TRANSCENDING – "Reflection" (Eigenvertrieb, VÖ 30.04.2014)
(bc) Bei TRANSCENDING handelt es sich um eine junge Band aus Koblenz, die sich dem Alternative-Rock verschrieben hat. Auf ihrer Debüt-EP zeigen sie sich sowohl von ihrer rockigen ("Holiday affair", "Never regret"), als auch von ihrer etwas ruhigeren Seite ("Reflection", "American grace") und drängen sich aufgrund ihrer Sängerin für Vergleiche mit SKUNK ANANSIE förmlich auf, wenngleich sich ein deztlicher Qualitätsunterschied erwartungsgemäß nicht leugnen lässt. Auffällig ist die ungewöhnliche Länge der Songs, die durchschnittlich immerhin bei über 5 Minuten liegt. Aus meiner Sicht würde es der Band allerdings gut tun, sich beim Songwriting auf das Wesentliche zu reduzieren, da sich selbst gute Lieder ab einer gewissen Länge leicht totlaufen können. Dennoch – wenn man bedenkt, dass TRANSCENDING erst im Anfangsstadium ihrer Entwicklung stecken, zeigen sie durchaus gute Ansätze. (4,5)
http://www.facebook.com/transcending.koblenz?fref=ts

VA – "The finest noise – Sampler Nr. 30” (Label: Finest Noise, VÖ 26.09.2014)
(so) Das in meiner alten Heimat befindliche Finest Noise-Label bringt bereits zum 30. Mal einen Label-Sampler heraus. 22 Stücke von hart bis poppig, von BUG bis SPANDAU. Ein interessanter Überblick über das Schaffen des Labels und darüber hinaus. Eine bunte Mischung, aus der sich jeder sein Lieblingsstück herauspicken kann. Finden wird er sehr wahrscheinlich mindestens eines. (6)
http://www.finestnoise.de/