Campact (07.02.2014)

NO EXIT

17 Jahre gesamtdeutscher Ost-Punk

(bc) Nanu, ein Interview mit einer „Deutschpunk“-Band beim Blueprint-Fanzine? Ja, auch so was kommt gelegentlich vor! NO EXIT aus (Ost-)Berlin mischen seit gut 17 Jahren die hiesige Punkszene auf und sind eine der wenigen noch aktiven Bands von damals, deren Protagonisten sowohl ihren Idealen als auch ihrem Lebensstil weitestgehend treu geblieben sind. Da jüngst ihr fünftes Studioalbum „Ihr nicht!“ erschienen ist, ist dies eine gute Gelegenheit, Sänger Rio per Email ein paar Fragen zu stellen. Und so könnt ihr im Folgenden lesen, was der Gute über das neue Album, die heutige Deutschpunkgeneration und die Berliner Punkszene zu berichten hat.


Herzlichen Glückwunsch zu eurem gelungenen Album „Ihr nicht!“! Seit eurer letzten Veröffentlichung sind fünf Jahre vergangen. Was hat sich in dieser Zeit im Hause NO EXIT getan?

Das Interessanteste, was sich getan hat, ist wohl der Wechsel am Schlachtzeug, statt Lars treibt uns nun Volker an. Ansonsten sind wir fünf Jahre älter geworden... sieht man uns aber nicht an!


Lass uns passend dazu kurz auf eure musikalische Entwicklung zu sprechen kommen. Meiner Meinung nach klingt ihr auf dem neuen Album etwas rockiger als früher. Empfindet ihr das selber auch so? Wenn ja, war es ein bewusster Schritt, den ihr gegangen seid?

Ist „rockiger“ nun positiv oder negativ gemeint? Wir haben eigentlich immer das gemacht (rein musikalisch), was wir machen wollten. Und ja, es klingt rockiger, was aber auch an unseren Hörgewohnheiten liegt. Ich denke, man wird schon etwas von dem inspiriert, was man selber hört.


Eine Frage, die mir unter den Nägeln brennt, betrifft den Song „Darum“: Der Refrain des Liedes erinnert sehr stark an den Chorus des ELF-Songs „St. Pauli leuchtet nur hier“, der später auch noch mal für das erste RUBBERSLIME-Studioalbum aufgenommen wurde. Ist diese Anlehnung so gewollt, oder hatte hier Kommissar Zufall seine Finger im Spiel?

Hab mir den Song eben noch mal auf dem Pauli-Sampler angehört... Stark ist fast untertrieben, aber es war sicher nicht mit Absicht. Da wird mir das Unterbewusstsein einen Superstreich gespielt haben. Ich kenne den Song ja von den vielen Fußballfahrten, aber (Elf, sei nicht sauer!) RUBBERSLIME gehört nicht so zu meinen Favoriten. Bei uns funktioniert das „Lieder schreiben“ so, dass erst die Musik fertig ist und ich dann erst raufsinge und dann erst den Text schreibe, und da wird das wohl irgendwie doch in den Ohren geblieben sein. Find ich letztendlich aber auch nicht soooo schlimm!


Etwas aus dem Rahmen des Albums fällt das Stück „Argentina“ – der Text des Liedes besteht quasi aus der Mannschaftsaufstellung der argentinischen Fußball-Weltmeister-Elf von 1978. Welche Idee steckt hinter dem Stück?

Süni poste immer damit, dass er die Mitglieder der argentinischen Weltmeisterelf schon damals und auch heute noch auswendig kann und meinte, da könnte man mal 'nen Song drüber machen. Und wir sagten: Mach doch! Da hat er gemacht und singt auch selbst, weil ich mir die Namen immer noch nicht merken kann...


Einige Texte von euch, wie zum Beispiel der Titelsong eurer neuen Platte, könnten dagegen thematisch auch durchaus auf den „Schlachtrufe BRD“-Samplern zu finden sein, bzw. wenn ich mich nicht irre, seid ihr sogar mit einem früheren Lied auf einem Teil der Reihe vertreten. Heutzutage tummeln sich auf den "Schlachtrufe"-CDs jedoch weitestgehend sehr junge Bands, die munter über Straßenschlachten und Revolution singen. Deren Bandmitglieder haben allerdings oftmals weder tiefgehende argumentative Grundlagen für ihre geäußerte Systemkritik, noch kann man sich vorstellen, dass eine Gruppe vermeintlicher Schüler aus einem Provinzkaff tatsächlich über die besungenen Straßenkampferfahrungen verfügt. Wie stehst du als jemand, der seit gut 20 Jahren Punkideale tatsächlich lebt, zu dieser Entwicklung?

Schwer zu sagen... Die Szene hat sich in über 20 Jahren ziemlich verändert. Auf der einen Seite freue ich mich über „Nachwuchs“, auf der anderen Seite frage ich mich, was der überwiegende Teil einer Szene, in der es nur darum geht, sich möglichst schnell möglichst dicht zu saufen, mit Punk zu tun hat. Leute, die eine Gitarre in die Hand nehmen und Musik machen, ihrem Frust Luft machen, sind vollkommen in Ordnung. Auch wenn sie es selbst nicht erlebt haben, kennen sie solcherart Konflikte doch wenigstens aus dem TV oder aus Erzählungen. Und wenn du anfängst, Musik zu machen, orientierst du dich doch an deinen (musikalischen) Vorbildern. Die werden ihren Weg schon finden.


In den 80er Jahren sowie nach der Wende galt Berlin bekanntlich als Mekka der Punk- und Politszene. Die Zeiten der besetzten Straßenzüge und der Massenmilitanz auf Demos sind jedoch seit Jahren vorbei. Zuletzt waren einige der letzten Überbleibsel der Hausbesetzerzeit, welche nicht zuletzt eine wichtige Säule für die Punk-Infrastruktur in Berlin darstellten (wie z.B. das autonome Zentrum "Köpi"), akut bedroht. Hast du das Gefühl, dass durch diese Ereignisse die Berliner Punkszene in letzter Zeit wieder etwas sensibler bzw. engagierter in politischen Belangen wurde?

Ich glaube, nicht wirklich. Diejenigen, die schon immer politisch aktiv waren, sind sicher mehr sensibilisiert, aber die, denen Sternburg wichtiger ist als Freiraum, gehen auch nur aus Spaß demonstrieren. Ich hoffe, ich irre mich in dieser Aussage...


Generell ist Berlin ja auch ein überaus fruchtbarer Nährboden für Punkbands. Für Leute von außerhalb ist es schier unmöglich, bei der Masse an Bands den Überblick zu behalten… Hast du für unsere Leser noch ein paar Tipps, auf welche aktuellen Berliner Bands man unbedingt mal ein Auge werfen sollte?

Das ist 100% Geschmackssache. Ich könnte Bands erwähnen, die ich mag, dann könnte aber jeder sagen: „...die doch nicht!“ Wen mein Musikgeschmack interessiert, kann mich ja selbst fragen: rio@noexit-berlin.de


Zum Abschied noch ein Ausblick auf die Zukunft von NO EXIT! Ihr seid ja auch nicht mehr die Jüngsten – geht euch das ganze Rumgetoure nicht langsam mal auf den Sack? Was hat man in nächster Zeit von euch zu erwarten?

Gerade das Touren macht Spaß, zu sehen, wie wir woanders ankommen, ob die Leutz Lust haben, mit uns zu feiern! Und, wie schon oben erwähnt, wir sehen immer jünger aus. Als Nächstes kommen die großen Open Airs, kleine Wochenendtouren und hoffentlich 'ne Menge Spaß. Des Weiteren arbeiten wir gerade an neuem Material, und wenn alles gut geht, beglücken wir die geneigten Zuhörer dieses Jahr noch mit einem neuen Tonträger, in welcher Form auch immer.


Vielen Dank dass du dir die Zeit genommen hast, die Fragen zu beantworten! Hast du noch ein paar letzte Worte für unsere Leser?

Hab ich gern gemacht, hoffe, der Rest meiner Bande findet wenigstens die Hälfte meiner Antworten in Ordnung... Und an euch da draußen im weltweiten Netz: Lasst es euch gut gehen, lebt das Leben & denkt auch mal an Andere! In dem Sinne, Prost!


Surftipp:
www.noexit-berlin.de

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