DIE NERVEN – 22.04.2018, Hamburg (Hafenklang)

Spätestens mit ihrem vierten Album „Fake“ sind die NERVEN angekommen. Angekommen mit dem Album der Woche im Musikexpress, Rezension im Spiegel, vier von fünf Sternen im Rolling Stone… Dass zeichnete sich vor fünfeinhalb Jahren noch nicht unbedingt ab, als sie just ihr Debütalbum „Fluidum“ auf This Charming Man veröffentlich hatten und unser Schreiber Frieder das erste Interview überhaupt mit den drei Stuttgartern führte. Wurden sie zu Beginn vornehmlich noch in der Noise- und Punk-Ecke verortet, kamen in den folgenden Jahren immer mehr musikalische Einflüsse hinzu, und so findet man bei der „am miesesten gelaunten Band Deutschlands“ (Die Zeit) auf ihrem aktuellen Album sogar Versatzstücke aus dem Krautrock wieder, während auf Deutschlandfunk diskutiert wurde, ob ihr Song „Alles falsch“ mehr an MARILYN MANSON oder RAMMSTEIN erinnert. Da wundert es auch nicht, dass zufälligerweise auf dem Hinweg ins ausverkaufte Hafenklang ihr aktuelles Album bei byte.fm vorgestellt wurde.
Doch wie würde das neue Material live aufgenommen werden? Denn einen großen Unterschied gibt es zum Vorgängeralbum „Out“ ganz sicherlich: „Fake“ ist verdammt düster und sperrig, fast schon unnahbar. Und das Spiel mit Dynamiken, das auf ihrer letzten Tour großartig umgesetzt wurde, ist zugunsten einer gewissen Schwermut gewichen, die sich eher unterschwellig ausbreitet und die schwer zu fassen ist.
Tatsächlich drückten sich diese Veränderungen auch live im Hafenklang aus. Während Sänger Max Rieger früher gerne Zuschauer beschimpfte, die in eine künstlerische Pause hineinquatschten, fragte er heute besorgt nach, ob die verhaltene Resonanz des Publikums mit dem Kater vom Vortag zusammenhänge. Schwierig zu beantworten. Sicherlich war die Stimmung auf dem „Festival für junge Menschen“ vor anderthalb Jahren im Uebel & Gefährlich etwas ausgelassener und gut möglich, dass an einem Sonntagabend eine gewisse Müdigkeit vom Vortag oder der zurückliegenden Woche sich auch auf die Zuschauer auswirkt. Es ist jedoch nicht ganz auszuschließen, dass dies auch am neuen Material liegt, das eher zum Zuhören als zum Pogen einlädt. Festzustellen bleibt, dass bei Stücken wie „Barfuß durch die Scherben“ oder ihrem Hit „Angst“, wo TOCOTRONIC im dazugehörigen Video DIE NERVEN spielen, die Stimmung am besten ist und das Publikum durchaus bereit ist mitzugehen. Vielleicht bedarf es ein wenig mehr Zeit, um mit den neuen Songs warm zu werden. Als Kritik am neuen Material ist dies ganz sicherlich nicht zu verstehen.

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