ADHD – 19.10.2017, Kiel (Kulturforum)

Dass man das kleine Land Island nicht unterschätzen sollte, gilt nicht nur für den Bereich Fußball. Auch musikalisch hat das Land mit einer Einwohnerzahl, die vergleichbar ist mit der englischen Stadt Leicester bzw. den Bahamas (um mal nicht wieder mit dem abgenutzten Bielefeld-Vergleich zu kommen) einiges zu bieten. Neben BJÖRK, SIGUR RÓS und OF MONSTERS AND MEN gibt es hoch im Norden auch eine kleine, feine Jazzszene zu bestaunen. Wurde auf nordische-musik.de zuletzt das Album des Schlagzeugers EINAR SCHEVING mit der Höchstnote belohnt, so sind dort vor allem auch ADHD zu nennen, deren Debütalbum bei den Icelandic Music Awards direkt als „Jazzalbum des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Kleine Randnotiz: beide Bands teilen sich mit Óskar Guðjónsson denselben Saxophonisten. Während der Schlagzeuger von ADHD in der Vergangenheit unter anderem mit DAMIEN RICE und KIASMOS zusammengearbeitet hat. Und seine Freundin bei den auch nicht ganz unbekannten MÚM mitspielt.
Doch kommen wir zurück zu ADHD, die es inzwischen auf ganze sechs Alben bringen – eine gute Bilanz für acht Jahre. Hinzu kommen zahllose begeisterte Kritiken und unter anderem eine Nominierung für den Nordic Music Prize. Aber wie sieht es mit der Popularität hierzulande aus?
Das Kulturforum in Kiel gilt zudem nicht unbedingt als lokaler Szenetreffpunkt. Vielmehr handelt es sich dabei um den Nebenraum eines Kunstmuseums, das wiederum selbst neben der Tourist-Information Kiel und der Stadtbücherei lokalisiert ist und den Charme eines Behördengebäudes der Achtziger Jahre besitzt. Doch welche Szene sollen ADHD schon ziehen? Jazz? Indie? Prog? Avantgarde?
Vorab konnte man sich im Foyer der Stadtgalerie, dem sogenannten STATT-Café, ein Gläschen Rotwein zu moderaten Preisen holen und diesen Wein auch gerne mit in den Veranstaltungsraum nehmen. Dort hatte man die freie Platzwahl zwischen Stühlen mit Tischchen im vorderen Bereich oder Sitzreihen weiter hinten, vergleichbar mit Alma Hoppes Lustspielhaus.
Das Publikum schien bunt durchmischt. Hinter mir saß ein Mann mit einem THIN LIZZY-Shirt, der sich mit seinem Sitznachbarn darüber unterhielt, woher er ADHD kenne. „Ich habe sie eher zufällig im Internet entdeckt. Gefiel mir ganz gut.“ Der Rest: eine Mischung aus Studenten, pensionierten Studienräten und sonstigen Besuchern. Vor dem Konzert berichtete mir der Merch-Mann, dass ADHD ihre Alben in der Regel in einem Take aufnehmen, und ähnlich verlief auch das Konzert. Ein bunter Querschnitt durch ihre Discografie, in einem Moment noch warm und melancholisch, insbesondere, wenn Oskar Guðjónssons am Saxophon den Ton angab, im nächsten Moment dynamisch, ja fast wahnsinnig, wenn sein Bruder Òmar an Bass oder Gitarre im Fokus stand. Das Ganze wurde zusammengehalten durch Davíð Þór Jonsson an der Hammondorgel, der zwischenzeitlich aber auch ans Piano oder die Synthies wechselte und Magnús Trygvason Eliassens, der sein Schlagzeug mal mit Besen streichelte, ihm an anderer Stelle aber vertrackte HipHop-Beats entlockte. In den rockigen Momenten erinnern ADHD dabei fast an LED ZEPPELIN, in den ruhigen, schweren Passagen eher an BOHREN & DER CLUB OF GORE. Ein Set, das im Grunde aus zwei dreiviertelstündigen Songs bestand, die die Stücke ihrer Alben pausenlos aneinanderreihte, unterbrochen von freien Improvisationen, ausklingenden Passagen und dort hinein integrierter neuer Stücke. Das alles mit einem unglaublichen Timing an Schlagzeug und Gitarre und wunderschönen Melodien am Saxophon, so dass ADHD ihre ganz eigene, markante Note finden, die sie so besonders macht. Im Februar spielen die Isländer übrigens im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, Tickets gibt es ab 18€.

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