20 Years of Sounds of Subterrania – 26.03.-01.04.2018, Hamburg (Hafenklang)

20 Jahre Sounds of Subterrania – wie soll man das gebührend feiern? Dass ein eintägiges Festival nicht selten zu einem zügellosen Zechgelage führt, weiß ein erfahrener Labelbetreiber wie Gregor natürlich auch, und so entschloss er sich dazu, die Feierei auf eine ganze Woche auszudehnen, auch um den auftretenden Künstlern gerecht zu werden. Und welcher Club bietet sich dafür besser an als das Hafenklang, mit dem sein Label bereits seit 2009 die Räumlichkeiten teilt? Dabei fiel das musikalische Programm so bunt aus wie man es von Sounds of Subterrania gewohnt ist – von Garage über Punk bis hin zu südamerikanischen Klängen und Klassik war alles vertreten. So zog ich es ernsthaft in Erwägung, mir eine Woche Urlaub zu nehmen, am Ende blieben es aber nur vier von sieben Konzerten, bei denen ich dabei war. Hier eine Zusammenfassung:

Montag, 26. März 2018: LISTENER / KALEB STEWART

Tag 1 der Feierlichkeiten. Eröffnet wurde der Abend von KALEB STEWART, besser bekannt als ehemaliger Bassist von AS FRIENDS RUST, der bei seiner nachfolgenden Band GREY GOOSE bereits an Gitarre und Mikrofon wechselte. Heute Abend allerdings alleine und mit Akustikgitarre, was musikalisch eher Lagerfeuerstimmung als Punkrock-Show bedeutete. Dass Kaleb dieses Genre allerdings genauso gut bedienen kann, ist seiner warmen, heiseren Stimme geschuldet, die auch solo genügend Ausdruckskraft besitzt, dass man ihr gerne folgen mag.

Der Großteil des Publikums war jedoch für LISTENER gekommen, die just ihr neues Album „Being empty : being filled“ veröffentlicht hatten und über die Gregor selbst so warmherzig sagte, dass sie für ihn die Lücke füllten, die HOT WATER MUSIC seit ihrer Auflösung bei ihm hinterlassen hatten. Da dies ihre einzige Show in Norddeutschland war, sah man im Publikum auch viele fremde Gesichter, die vermutlich von außerhalb angereist waren. Und es wurde ihnen eine kraftvolle Show mit vielen postrockartigen Laut-Leise-Wechseln, hardcoreähnlichen Mosh-Parts und Dan Smiths unverwechselbarer Art des Gesangs geboten, die ihnen nicht zu Unrecht die Kategorie „Talk Music“ eingebracht hat. Wer Gefallen an der Show gefunden hat, hatte im Anschluss daran die Möglichkeit, die gelaserte Massivholz-Edition ihres Album „Time is a machine“ zu erstehen. Ein edles Teil!

Dienstag, 27. März 2018: LUBOMYR MELNYK

Auch wenn ich am zweiten Tag, der LUBOMYR MELNYKs besonderer Art des Klavierspiels gewidmet war, nicht persönlich anwesend sein konnte, schien sich Gregors Sorge, dass ein solches Konzert im Hafenklang vielleicht nicht funktionieren könnte, nicht zu bestätigen. Die für 20:30 angesetzte Show war bereits im Vorfeld ausverkauft, so dass der Ukrainer ein Zusatzkonzert um 17:30 gab und sich dadurch für einen Freund von mir die Möglichkeit ergab, das Konzert mit seinem zwölfjährigen Sohn zu besuchen. Der zeigte sich beeindruckt von der Vielzahl der Aufkleber auf der Hafenklang-Toilette und von der Tatsache, dass hier ein Künstler seine Bodenständigkeit beweist, der im Herbst letzten Jahres den Großen Saal der Elbphilharmonie ausverkaufte. Socializing des Sohnemannes scheint zu gelingen!

Mittwoch, 28. März 2018: PARTY DIKTATOR / FLUID TO GAS / DIE SÄULEN DES KOSMOS

Der dritte Abend begann mit dem Duo DIE SÄULEN DES KOSMOS. Wer bereits bei dem Bandnamen aufstutzt, sollte sich vor allem mal mit der Musik von Flávio Bacon und Peter Proton beschäftigen, die sich irgendwo zwischen Eurodance, Karl Marx und DACKELBLUT bewegt. Mir glich das Ganze eher einer Form der Aktionskunst, für die mir leider das kulturelle Verständnis fehlt. Aber was heißt das schon, konnte ich doch bereits die allgemeine Begeisterung für HUMAN ABFALL nicht nachvollziehen, denen Flávio Bacon ansonsten seine Stimme leiht.

IMG_20180328_215938361Viel mehr mein Ding waren stattdessen FLUID TO GAS aus Bonn, die bereits seit 1994 existieren und ihr Banddasein vor allem betreiben, um eine nette Zeit miteinander zu verbringen. Dass nebenbei auch noch ziemlich gute Musik dabei herauskommt, die sich irgendwo zwischen colt., MISSION OF BURMA und meinetwegen auch FUGAZI, wie meine Begleitung die ganze Zeit wiederholte, bewegt: umso besser! Gut aufeinander abgestimmte Gitarren, insgesamt ein toller Bandsound – trotz des Legendenstatus von PARTY DIKTATOR insgesamt mein Favorit des Abends.

Kommen wir zu PARTY DIKTATOR, kommen wir zum bereits erwähnten Legendenstatus. Den haben die Bremer definitiv inne, zählen sie doch zu den wenigen deutschen Bands, die in den Neunzigern von John Peel zu seiner Radiosession nach London eingeladen und von dem Noise-Rock-Label schlechthin (AmRep aus Washington) unter Vertrag genommen wurden. Ich bin mir ja ziemlich sicher, dass ich die Bremer irgendwann in den Neunzigern schon mal im JuZ Leer gesehen habe, Belege kann ich dafür aber keine mehr finden. Vielleicht habe ich das auch mit HAMMERHEAD oder 2BAD verwechselt. Wie dem auch sei, falls ich sie bisher doch noch nicht live gesehen hatte, habe ich das heute also nachgeholt. Und tatsächlich fühlte sich ihr Noisecore so sehr nach den Neunzigern an, dass ich mich um mindestens zwanzig Jahre jünger fühlte – vielleicht lag das aber auch am hohen Altersdurchschnitt. Die Energie, die von der Bühne rüberkam, und auch die Kompromisslosigkeit ließ jedenfalls nicht vermuten, dass wir es hier mit einer Band zu tun haben, die sich vor fast 30 Jahren gegründet hat. An den Drums hat jedoch ein Besetzungwechsel stattgefunden: Jens Ahlers wurde durch Gregor Hennig vertreten, der sich nicht nur als Produzent einen Namen gemacht hat, sondern vor allem auch am Schlagzeug sein Werk gelernt hat und nicht zu unrecht nebenbei in einer SLAYER-Coverband spielt. Hut ab!

Donnerstag, 29. März 2018: JUNGLELYD / (AFRICAN CONNECTION)

Es kann alles noch so gut laufen, wenn einem plötzlich die Behörden einen Strich durch die Rechnung machen und Ländergrenzen zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Heißt konkret: Die in Ghana gegründeten AFRICAN CONNECTION fielen an diesem Abend leider aus, weil ihnen die Ausreisegenehmigung fehlte und Flüge und Visa somit vergeblich gebucht worden waren. Dafür durften JUNGLELYD doppelt so lange ran. Hoffen wir, dass es trotzdem oder erst recht gut war!

Freitag, 30. März 2018: THE MONSTERS / THE COURETTES / DEVIL IN MISS JONES / KAMIKAZE QUEENS

Der fünfte Tag sah mir ein bisschen wie das „Hauptkonzert“ des SoS-Festivals aus. Mit vier Bands und einer Gesamtspielzeit von etwa fünf Stunden war es auch der längste Festival-Tag, und wenn man berücksichtigt, dass Sounds of Subterrania gegen Ende der Neunziger vor allem im Garage/Punk-Bereich die ersten Platten veröffentlichte, scheinen hier auch die Wurzeln des Labels zu liegen. Den Anfang machten die IMG_20180330_205428571KAMIKAZE QUEENS, eine Punk-Cabaret-Band mit Tex Morton von MAD SIN an der Gitarre und Mitgliedern von BONAPARTE, ATARI TEENAGE RIOT und sonstigen Bands an den übrigen Instrumenten. Sie lieferten mit einer Mischung aus Garage, Rock & Roll, Swing und Punk schon mal einen guten Einstieg ab, bevor THE DEVIL IN MISS JONES auf die Bühne traten. Für die Band aus Mönchengladbach gab es nicht nur das 20jährige Labeljubiläum zu feiern, sondern zugleich fand auch nach 27jähriger Bandgeschichte heute ihr letzter Auftritt statt, der in einigen Zugaben mündete. Erinnerte mich an guten alten Punkrock der Marke GLUECIFER, mehr als an EA80, für die Sänger und Gitarrist Michael (aka „Junge“) früher aktiv war.

Als nächstes waren die COURETTES an der Reihe, von denen heute, ganz neu, eine audiovisuelle Videosingle veröffentlicht wurde. Heißt: man kann die Platte gleichzeitig auf dem Plattenspieler abspielen und (über einen Decoder) parallel dazu ein Video schauen. Sachen gibt’s! Aber heute gab es sie nicht nur audiovisuell, sondern live auf der Bühne im Hafenklang, doch anfangs war der Sound des brasilienisch-dänischen Duos noch etwas schwach auf der Brust. Was aber auch nicht verwunderlich ist, wenn man auf Bass und Effektgeräte wie einen Octaver verzichtet. Doch der Mischer konnte das korrigieren, und so kam der Sixties-Sound der beiden am Ende doch recht kraftvoll rüber.

Den Abschluss dieses Abends bildeten, wie sollte es auch anders sein, die MONSTERS. Die Schweizer, die Gregors Label fast seit Beginn begleiten und von denen es schon so manches Special Release gibt, waren wie prädestiniert für die späte Stunde. Ein Kumpel erzählte mir, dass er beeindruckt war, als er die Band vor Jahrzehnten mal im Molotow gesehen hat, wo plötzlich eine Schlägerei inmitten des Publikums entbrannte. Ähnliches wiederholte sich auch, als er die Band kurze Zeit später auf einem Festival in Hannover sah. Eines vorweg: es blieb heute, abgesehen von einer Menge Pogo, friedlich im Publikum. Aber im Nachhinein kann ich nachvollziehen, dass die Mannen um den Reverend mit ihrem rumpeligen Sound von zwei Schlagzeugen und ihrer Energie bei gewissen Leuten Aggressionen auslösen können. Wer die MONSTERS noch nicht gesehen hat: man stelle sich die HIVES auf Speed und mit einer Menge Wut im Bauch vor. Definitiv ein gelungener Abschluss eines langen Abends!

Samstag, 31. März 2018: GEWALT / TREND / ES WAR MORD

Konnte der Samstag den gestrigen Tag noch toppen? Jedenfalls war es heute nicht mehr ganz so voll, was wir aber eher als angenehm empfanden. Musikalisch gab es heute zwar auch Punk zu hören, sowohl von der Stimmung als auch von der Musik jedoch nicht im Ansatz mit gestern zu vergleichen. ES WAR MORD machten den Start mit Deutschpunk der guten alten Schule. Auch hinter dieser Band steckten wieder einige große Namen (Mitglieder von u.a. SKEPTIKER und JINGO DE LUNCH), wo Gregor die bloß alle auftreibt?

Apropos alte Schule: auch TREND gibt es inzwischen bereits seit 16 Jahren, doch auch sie hatte ich live noch nie zuvor gesehen. Statt Deutschpunk nun eher NDW-Punk, der wie eine Mischung aus MESSER und FEHLFARBEN klingt und vor allem von ihrem Sänger Fezer lebt, der zwar wie eine Rampensau rüberkommt, gleichzeitig aber sehr sympathisch rüberkommt und viel lächelt. Das Publikum: absolut textsicher! Band des Abends!

GEWALT übten selbige vor allem durch Lautstärke aus. Von SURROGAT war ich zwar immer ein großer Fan, aber Patrick Wagners neues Noise-Drummachine-Projekt erinnerte mich mehr an eine Mischung aus ATARI TEENAGE RIOT und MINISTRY. Mir nach all den Tagen definitiv zu laut und anstrengend.

Sonntag, 1. April 2018: FRANKIE STUBBS / KALEB STEWART

Auch der letzte Tag des Festivals sollte sich wieder ausverkaufen. Kein Wunder, wenn sich eine Legende wie FRANKIE STUBBS, besser bekannt als Frontmann von LEATHERFACE, im Hafenklang die Ehre gibt. Zwar wurde mir am Vorabend noch eine Karte für dieses Konzert angeboten, doch irgendwann ist die Luft raus. Dennoch war es eine tolle Woche, die bewiesen hat, dass aus alten Bands noch längst nicht die Luft raus sein muss, nur weil die Musiker dahinter ein gewisses Alter erreicht haben.

Gregor, wir wünschen Dir alles Gute für die kommenden Jahre Sounds of Subterrania! Mögest Du noch viele Bands entdecken, denen es zu folgen lohnt. Wir werden dies gewiss tun!

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